„... die Definition macht eigentlich nicht die Kunst aus, sondern der Gedanke, der in ihnen sichtbar oder anschaulich wird ...“
(Timm Ulrichs)
Auf der Suche nach dem Ich in der Welt und der Welt im Ich
Von Matthias Reichelt, Kulturjournalist

In Filmen, die uns Künstler näherbringen wollen, beobachtet die Kamera jene beim Hämmern mit Meißel, manche beim Schießen mit dem Gewehr auf Objekte wie im Porträt Niki de Saint Phalles oder dem Verteilen und Vermischen von Farben mit einem Rakel, wie erst vor wenigen Jahren in einem Porträt Gerhard Richters. Die Kamera schwenkt dann auf das bedächtig dreinblickende Gesicht des deutschen Spitzenreiters auf dem internationalen Kunstmarkt, der das eigene Werk betrachtet. Der Film dient der weiteren Überhöhung und Vermarktungsstrategie, während Richter uns enorm fremd bleibt. Wortkarg macht er immer eine ernste Miene, und es schleicht sich der Verdacht ein, er habe gar nichts Erhellendes über sein Werk beizutragen. Ganz anders bei diesem hier zu sehenden Film „Der Totalkünstler“ von Ralf-Peter Post über Timm Ulrichs.....

Dort sagt der Porträtierte zu Beginn: „Ich bin nicht zum Künstler geworden, sondern ich arbeite daran, ich selbst zu werden, was schon schwierig genug ist.“ Alleine in diesem Satz steckt so viel Kluges und erlaubt eine Reflexion, die gleichwohl Psychologie, Philosophie und Kunst zu berücksichtigen hat. In dem über 80 Minuten langen Porträt äußert Ulrichs viele dieser Sätze, die es in sich haben und an denen wir lange knabbern können.

Ulrichs hat kein Material, dem er treu bleibt und mit dem er sich verausgabt, denn er bedient sich bekanntermaßen aller Medien, treibt sich in allen Kunstgattungen wie Zeichnung, konkrete Poesie, Installation, Video, Fotografie, Performance, Skulptur, Architektur herum und stellt immer existentiell wichtige Fragen zu Mensch, Sprache und Welt sowie dem Kunstbegriff. Sein wesentliches Medium ist sein Ich, mit dem er in alle Richtungen seismografisch forscht und experimentiert. Sein Ich macht er zum Maß aller Dinge und damit der ganzen Welt. Als Pars pro toto erforscht er stellvertretend für die Menschheit gleichwohl körperlich wie auch sinnlich die Verhältnisse von einem Ich zur Welt und liefert im Resultat Kunst aller Gattungen. In diesem Sinne wäre der von Ulrichs für seine Retrospektive zum 70. Geburtstag vorgesehene Titel „Ich, Gott & die Welt“ im Kunstverein Hannover und auch im Sprengel Museum 2010 völlig richtig gewesen. Er wurde damals verhindert, weil er blasphemisch sei! Und das im 21. Jahrhundert, trotz Aufklärung und behaupteter säkularer Verfassung und Gesellschaft.

Die Gedanken und Wahrnehmungen des ICHs von Ulrichs bilden den Fundus, aus dem er für sein polymorphes Werk schöpft. Bei ihm sind Leben und Kunst in eins gedacht und werden ebenso praktiziert, was Ulrichs nicht ohne Ironie zur Prägung des Begriffs Totalkunst und Totalkünstler brachte. Dieser Auffassung des Prozesses von Reflexion und Werkentstehung folgend, musste Ralf-Peter Post mit Unterstützung seines Produzenten Olaf Krohn, der auch oft den Ton besorgte, wie ein Detektiv den Alltag des Künstlers ausleuchten, ihm auf Schritt und Tritt folgen, sich mit ihm räumlich gemein machen. Die Kamera wird Zeugin der unermüdlichen Aktivitäten eines äußerst peniblen Protagonisten, der vieles, was andere Menschen gut und gerne pflegen, wie Urlaub und das Streben nach etwas Luxus, für seine Kunst völlig vernachlässigt. Ulrichs beim Telefonieren ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Film zieht. Unermüdlich ist er unterwegs mit seinem Assistenten Andreas Schüßler, erledigt nahezu alle Transporte selbst, schon aus der Angst heraus, Dritte könnten seine Werke falsch handhaben und beschädigen. Wo andere Künstler seines Ranges längst delegieren, erledigt Ulrichs viele Arbeiten selber. Im Besitz der „schwarzen Mamba“, wie die Bahncard 100 ehrfürchtig fast schon etwas angstbesetzt genannt wird, reist er unentwegt durch Deutschland. Wir begleiten ihn beim vorsichtigen Bestücken eines Kartons mit einer Auswahl seiner Publikationen für eine Ausstellung in Österreich ebenso wie bei diversen Handwerkern, die als Dienstleister für den Konzeptkünstler, der von sich sagt, dass er ja nichts gelernt habe, arbeiten. Das Porträt erschöpft sich aber nicht in einem liebevollen und ehrwürdigen Blick, sondern nimmt auch die „Ecken und Kanten“ von Ulrichs in den Fokus. Da herrscht er den Filmemacher an, das solle er nun gerade nicht aufnehmen, spielt gegenüber der Kuratorin und dem Assistenten seine Erfahrung und sein Alter aus, um sich bei der Bestückung der Wand durchzusetzen. Es spricht sehr für den Film, dass uns Post auch Zeugen solcher Szenen werden lässt, die uns vielleicht unangenehm berühren. Das Maßregeln, die Ulrichs’sche Klage, es nur in die zweite Liga geschafft zu haben, seine Kritik an Beuys, dem „Pater Leppich des Kunstbetriebs“, wie Ulrichs ihn – zwar nicht im Film – mit Absicht und gerne despektierlich nennt. Auch solche Facetten seiner Persönlichkeit, die doch einige als nervig empfinden, sind in dem Film berücksichtigt. Doch ebenso bemerken wir die tiefe und innige Verbindung von Ulrichs zu seinen zu Werken generierten Ideen, die er pflegt wie Kinder und die er selber restauriert, damit sie bei der anstehenden Versteigerung seinem Erschaffer alle Ehre machen. Vor diesem Hintergrund bekommt die Klage über die schlechte Behandlung ebenso wie über das vermeintliche oder bewusste Plagiieren seiner originären Ideen durch Kolleginnen und Kollegen eine andere Bedeutung und erscheint als Anzeichen einer tiefen Verletzung.

Dank der klugen und kritischen Reflexion von Ulrichs vor laufender Kamera sowie aus dem Off ist „Der Totalkünstler“ von Ralf-Peter Post eine große Bereicherung im Genre Künstlerporträts. Klug geschnitten und interessant wie kurzweilig in der Narration, bietet der Film eine erhellende und amüsante Nahsicht auf den sowohl verletzbaren wie auch austeilenden Künstler. Und, um nochmals auf den oben erwähnten Film über Gerhard Richter zurückzukommen, so ist Post im Vergleich dazu ein sehr lehrreiches Porträt gelungen, das einen ganz frischen und ungewohnten Einblick in den Kunstbetrieb bietet.

Arthur Rimbaud, dessen Ich ja bekanntlich immer auch ein anderes ist, schrieb in einem Brief über seine Poesieauffassung: „Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“

Timm Ulrichs tut dies mit anderen Mitteln, aber eben genau mit seiner Sensibilität gegenüber dem Menschsein in der Welt. Der Film erlaubt uns, ihn bei dieser engagierten Arbeit zu begleiten. Etwas mit Neid erfüllt habe ich mir diesen Film angeschaut, denn ich hätte ihn gerne selber gemacht. Nun geht das nicht mehr, und ich danke Ralf-Peter Post als Regisseur und Kameramann und Olaf Krohn als Produzenten sehr für diesen Film, der im Laufe von zwei Jahren entstand.